"Der Pflege fehlt es nicht an Menschlichkeit - sondern an Menschen!"

Interview mit Frau Kurz-Ketterer, Vorsitzende des Arbeitgeber- und BerufsVerbandes Privater Pflege e.V.. Das Interview ist erstmal im Handelsblatt in der Ausgabe vom 5.07.2021 erschienen.

Frau Kurz-Ketterer im Interviewm it Seniovo

Die Pflege und die Kapazitäten für altersgerechtes Wohnen stoßen bereits jetzt an ihre Grenzen. Prognosen sagen, dass sich die Zahl der Menschen im Rentenalter bis 2040 bundesweit um 4,1 Millionen (+23%) erhöht. Kann die Politik diese Mammutaufgabe stemmen? Es gibt bereits Lösungsansätze in der Wirtschaft. Es wird Zeit, dass diese Unterstützung von der Politik bekommen!

Jonathan Kohl ist Gründer und Geschäftsführer des Start-up Seniovo, einem Fachbetrieb für barrierearme und barrierefreie Badumbauten, und Initiator des PflegeClubs, einem Zusammenschluss aus mehreren Unternehmen, die Lösungsansätze für den Themenbereich der Pflege entwickeln.

Der Zugang zum Thema Pflege hatte persönliche Hintergründe. Herrn Kohls Vater wurde mit 52 Jahren Alzheimer-Dement und pflegebedürftig. Im Interview mit Frau Kurz-Ketterer geht er auf einige der relevanten Fragestellungen zum Thema Pflege ein.

J. Kohl: Frau Kurz-Ketterer, Sie sind seit 30 Jahren Verfechterin dafür, Pflegebedürftigen mehr Entscheidungsoptionen zu ermöglichen. Warum wurde der ambulanten Pflege ein scheinbar höherer Stellenwert eingeräumt als der stationären Pflege?

C. Kurz-Ketterer: Das Ganze war vor vielen Jahren sicherlich auch politisch motiviert, weil man damit Wähler gewinnen wollte. Wer zu Hause ist, wählt. Die Frage ist, wie jeder selbst gepflegt werden möchte. Ich persönlich bin ein sehr selbstständiger Mensch und auch wenn ich Hilfe benötige, möchte ich weitgehend freie Entscheidungen treffen. Wenn ich in eine stationäre Einrichtung gehe, werde ich sehr schnell zu einer Nummer oder in eine Schublade gesteckt und Vorschriften unterworfen und muss vieles tun, was das Gesetz vorgibt, aber nicht das was ich will. Aber das Ziel von uns allen ist doch, dass man sein eigenes Leben zu Hause verbringen und auch beenden kann – egal ob jung oder alt. Einem durch einen Unfall oder Krankheit pflegebedürftig gewordenen jungen Menschen zu sagen Du bekommst jetzt einen Stempel, ambulant ist zu teuer und du musst nun stationär betreut werden ist eine furchtbare Vorstellung. Der Trend in der Bevölkerung geht immer mehr dahin, dass die Menschen zu Hause wohnen bleiben wollen. Das hatte man sicherlich auch damals erkannt. Nun hat sich aber herausgestellt, dass ambulant teurer ist als stationär, denn dies bedeutet 1:1-Versorgung. Ich fahre zum Patienten und kann in dieser Zeit nur diesen einen Patienten versorgen. In der ambulanten Pflege ist eher gewährleistet, dass jemand wie vereinbart versorgt wird, da nur das abgerechnet wird, was auch geleistet wird. Bei der stationären Pflege zahlt man einen Pauschalbetrag, egal was er bekommt.

J. Kohl: In der täglichen Arbeit merken wir, dass sich viele Pflegebedürftige allein gelassen fühlen. Verbleibt in der Pflege genug Zeit für Menschlichkeit? 

C. Kurz-Ketterer: Menschlichkeit muss man haben in dem Beruf. Es ist nicht die Menschlichkeit verloren gegangen sondern die Menschen. Wer möchte denn heute noch in dem Beruf arbeiten? Wenn man fragt, was macht eine Pflegerin, dann heißt es nicht selten: Po abwischen oder Waschlappen schwingen. Doch Pflege ist mehr. Eine Fachkraft sieht einen Menschen und erkennt rundum, was er braucht. Die Zeit am Menschen mit all seinen Bedürfnissen wird uns z.B. durch die viel zu umfangreiche Dokumentationspflicht nicht unwesentlich verkürzt. Aber auch das Problem der Gegenfinanzierung, sprich dass die Kassen der Ansicht sind, für eine Pflegemaßnahme reichen 30 Minuten aus, können wir nicht nachvollziehen. Dabei rechnen die Kassen nur die reine Pflege, kein „Guten Tag“ und kein „Wie geht es Ihnen?“. Zudem gibt es Patienten, die haben Schmerzen. In solchen Fällen muss man einfach mehr Zeit einplanen und benötigt eine Menge Empathie, um sich in die Situation des Pflegebedürftigen hineinzufühlen und den Patienten nicht nur zu waschen”, sondern eben auch zu pflegen!

J. Kohl: Was müsste passieren, damit die Pflege den wichtigen Stellenwert in der Gesellschaft bekommt, den sie braucht? 

C. Kurz-Ketterer: Meiner Meinung nach muss das Ansehen des Pflegeberufes aufgewertet werden. Forderungen nach besseren Arbeitszeiten sind erst einmal zweitrangig. Menschen sind nicht von 8-16 Uhr krank. Sie sind den ganzen Tag krank. Und jeder, der den Beruf ergreift, weiß das auch. Der Schlüssel liegt im Ansehen. Wenn ich gesagt bekomme, du hast drei Jahre gelernt, aber die ungelernte Kraft kann das Gleiche, dann ist das eine massive Herabwertung der Pflegefachkraft. Das ganze Wissen, was dahintersteckt, wird damit nicht anerkannt. Es müsste also von der Politik und von den Menschen selbst eine Wertschätzung für die Pflege her, wie anspruchsvoll die damit verbundenen Tätigkeiten sind – sei es als Fachkraft oder als pflegender Angehöriger. Erst dann können wieder mehr Menschen für diesen Beruf begeistert werden.

J. Kohl: Die generalistische Pflegeausbildung ist seit eineinhalb Jahren gelebte Praxis. Wie stehen Sie dazu?

C. Kurz-Ketterer: Dieser Vorstoß ist für mich nicht gut durchdacht. Hier hat man versucht, etwas anzustoßen, was mit der Praxis wenig zu tun hat. Durch meine Erfahrungen kann ich sagen, dass man sich bewusst entscheidet, mit jungen oder mit alten Menschen in der Pflege arbeiten zu wollen. Ich glaube, hierdurch werden eher noch mehr Menschen davon abgehalten, in diesen Bereich zu gehen. Die meisten wollen die anderen Ausbildungsbereiche nicht vertiefen. Zudem entwickelt sich die Ausbildung immer mehr in Richtung Studium.  Die angesetzten Standards, welche in der Praxis nicht umzusetzen sind, bekommen einen höheren Stellenwert als die erforderliche Menschlichkeit. Einerseits wird den Auszubildenden vermittelt, sie brauchen viel Zeit und Empathie. Andererseits wird dies nicht honoriert, weil die Pflege in ihrem gegenwärtigem Finanzierungsmodell auf das Notwendigste reduziert wird.

J. Kohl: Was müsste sich konkret ändern, damit die ambulante Pflege nachhaltig gestaltet werden kann?

C. Kurz-Ketterer: Möglichkeiten gibt es genug. Verhandlungen auf Augenhöhe mit den Patienten wären ein guter erster Schritt. Beispielsweise ist eine der großen Fragen, warum die ambulante Pflege von den Patienten selbst finanziert werden muss, im stationären Bereich aber komplett übernommen wird. Im stationären Bereich bezahlen die Patienten einen Betrag für Wohnen und Essen, die Pflege jedoch ist abgedeckt. Das Gleiche könnte man in der ambulanten Pflege auch gewährleisten. Aktuell gibt die Politik vor, dass die Pflegedienste die aktuellen Standards umsetzen müssen, die Kassen aber sind wenig bereit, dieses zu finanzieren. In der Praxis wird um Minuten gefeilscht und Leistungen werden inhaltlich reduziert, um Kosten für die Kassen zu sparen. Die Herausforderung besteht also in der Finanzierung und Gegenfinanzierung des Vorgegebenen.

J. Kohl: Für die ambulante Pflege zu Hause müssen neben der Pflege selbst oft auch adäquate Rahmenbedingungen der Wohnumgebung geschaffen werden. Welche Erfahrungen haben Sie schon mit wohnumfeldverbessernden Maßnahmen gemacht?

C. Kurz-Ketterer: Viele Kunden teilen uns mit, damit noch abwarten zu wollen, da diese aktuell noch nicht gebraucht werden. Trifft der Fall dann ein, soll es ganz schnell gehen. Zudem bieten die Anbieter auch nicht immer die notwendige Qualität oder der Austausch, was für den Kunden oder seine Angehörigen wirklich erleichternd wäre, fehlt. Solche Umbaumaßnahmen können auch zu Kostenersparnissen an anderer Stelle führen. Die externe Pflege kann reduziert werden und der Pflegebedürftige kann sich wieder selbstständiger versorgen. Dieser Faktor wird leider oft nicht gesehen.

J. Kohl: Wir stellen immer wieder fest: Viele unserer Kunden und auch die Angehörigen sind wenig informiert über vorhandene Angebote. Woran liegt das?

C. Kurz-Ketterer: Wenn wir erstmalig Kontakt mit einem Kunden haben, ist dieser bereits pflegebedürftig. Dann ist es oft so, dass viele Pflegebedürftige Informationen darüber, auf welche Leistungen Anspruch besteht, nicht haben. Woher auch? Sie bekommen mehrere Seiten mit generelle Informationen von der Krankenkasse zugesandt. Die Probleme dabei bestehen darin, dass häufig eine schwer verständliche Sprache verwendet wird und die Menge an Informationen die meist ältere Klientel überfordert. Hier müsste mehr bedarfsgerechte Aufklärung betrieben werden. Es muss die Angst genommen werden ‘Was kommt da alles auf mich zu?’. Die Realität sieht vielmehr so aus, dass die wichtigen Informationen eigeninitiativ zusammengesucht werden müssen – ein einfacher Zugang ist aktuell nicht gegeben. Zudem ist der ganze Prozess viel zu bürokratisch. Bewilligungs- und Ablehnungsbescheide werden teilweise willkürlich ausgestellt oder Begründungen erfragt, obwohl der Gesundheitszustand in der Regel bereits dokumentiert ist. Das hat wenig mit der Wirklichkeit des Versicherten zu tun, sondern dreht sich vielmehr um Kostenersparnisse und das ist schade.

J. Kohl: Es gibt bereits viele Interessenvertretungen und Unternehmen, die Lösungsansätze insbesondere für die ambulante Pflege erarbeiten. Wie sehen Sie die Rolle der Wirtschaft bei der der Umsetzung?

C. Kurz-Ketterer: Die Wirtschaft hat eine sehr große Rolle. Sie hätte auch die Macht, Druck auszuüben. Leider verzetteln sich die einzelnen Anbieter und es gibt kaum gemeinsame Aktionen mit dem Pflegepersonal. Dies ist jedoch notwendig, da genau dort die notwendige Expertise zu finden ist, um  adäquate Maßnahmen zu entwickeln. Tatsache ist, dass wir alle immer älter werden und somit der Bedarf nicht ausbleibt.

J. Kohl: Wir arbeiten bereits mit Unternehmen wie Villeroy & Boch oder der Vonovia an nachhaltigen Konzepten für Pflegebedürftige. In welchen Bereichen der Pflege, abgesehen von Wohnumfeldverbesserungen, wünschen Sie sich mehr Engagement von der Wirtschaft?

C. Kurz-Ketterer: Die Pflege ist ein weites Feld und es gibt viele Möglichkeiten als Unternehmen innovative und hilfreiche Neuerungen zu entwickeln. Voraussetzung ist zum einen, dass der Kunde nicht nur als Kunde sondern auch als Mensch gesehen wird. Zum anderen muss gewährleistet sein, dass eine fundierte Gegenfinanzierung durch die Politik ermöglicht wird. Es sollte erkannt und anerkannt werden, dass Pflege teuer ist!

J. Kohl: Frau Kurz Ketterer, eine Frage zum Abschluss: Welche Beweggründe führten dazu, dass Sie 2007 begonnen haben sich im Arbeitgeber- und BerufsVerband Privater Pflege e.V. zu engagieren? 

C. Kurz-Ketterer: Im Laufe der Jahre wurden viele Gesetze und Vorschriften verabschiedet, mit denen die Herausforderungen nicht gelöst werden konnten oder die tägliche Arbeit sogar erschwert haben. Meine intrinsische Motivation die Bedingungen für meinen Berufsstand und Pflegebedürftige zu verbessern, haben mich zur Verbandsarbeit gebracht. Wir sind zwar noch ein recht kleiner Verband mit Fokus auf die ambulante Pflege. Dadurch kommt es nicht zu Interessenkonflikten wie bei vielen größeren Verbänden, die oft Mischverbände sind, welche eben auch die Ziele der stationären Pflege unter einen Hut zu bringen haben.