"Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung"

Interview mit Herrn Dr. Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz und Präsidiumsmitglied der Bundespflegekammer. Das Interview ist in gekürzter Version erstmals im Handelsblatt am 13.07.21 erschienen. 

Dr. Mai im Interview mit Seniovo

Die häusliche Versorgung ist das zentrale Element der Pflege. Eine Umfrage des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) mit ambulanten Pflegediensten aus ganz Deutschland hat ergeben, dass 53% aller offenen Stellen seit über drei Monaten nicht besetzt werden und somit 80% aller Pflegedienste keine neuen Patienten mehr aufnehmen können.

Im Interview spricht Herr Jonathan Kohl mit Herrn Dr. Markus Mai über seine Erfahrungen und Lösungsansätze für die Restrukturierung der Pflegelandschaft. 

Herr Kohl ist Gründer und Geschäftsführer des Startup Seniovo, einem Fachbetrieb für barrierearme und barrierefreie Badumbauten, und Mitinitiator des PflegeClubs, einem Zusammenschluss aus mehreren Unternehmen, der Lösungsansätze für den Themenbereich der Pflege entwickelt. Der Zugang zum Thema Pflege hatte persönliche Hintergründe. Sein Vater wurde mit 52 Jahren Alzheimer-Dement und pflegebedürftig.

J. Kohl: Herr Dr. Mai, welche Komponenten nehmen aus Ihrer Perspektive in der häuslichen Pflege eine zentrale Rolle ein?

Dr. Mai: Für mich gehören drei Aspekte dazu. Erstens: Fachwissen. Die Personen, die die Pflege vornehmen, müssen diese auf einem guten und aktuellen Niveau anbieten. Zweitens: Zeit. Pflege darf nicht nur in Zeiteinheiten gemessen werden. Der zeitliche Aufwand ist bei jeder Person unterschiedlich. Wir brauchen eine bedarfsgerechte Versorgung statt weiterer Standardisierungen! Und drittens: Finanzierung. Aus meiner persönlichen Erfahrung als pflegender Angehöriger kann ich sagen – trotz dessen, dass ich Fachmann bin: Bei den meisten pflegenden Angehörigen kommt irgendwann der Punkt, dass sich professionelle Unterstützung gesucht werden muss. Und diese muss man sich eben auch erst einmal leisten können. In den ersten Jahren wird oft noch kein Pflegedienst eingeschaltet, obwohl dieser einer Überlastung der Pflegenden präventiv vorbeugen könnte. Wir müssen das ganze System neu aufstellen und mehr professionelle Unterstützung zur Verfügung stellen. Das kostet eine Menge mehr Geld. Eine Option wäre die Abkehr von der Pflegeversicherung hin zu einem komplett steuerfinanzierten System, wie das viele andere Länder bereits tun. Damit sind mehr Flexibilität und weniger Ungerechtigkeiten gewährleistet. Auf jeden Fall müssen die Eigenanteile der Betroffenen deutlich reduziert werden. Durch die neue Pflegereform gibt es Ansätze in diese Richtung, aber das reicht bei Weitem nicht aus. Man sollte einen Maximalbeitrag also einen Selbstbehalt festlegen, sodass man in jüngeren Jahren dementsprechend dafür sparen kann, ohne Angst zu haben, durch eine Pflegebedürftigkeit bei einem selbst oder in der Familie zu verarmen. Das Ganze muss natürlich von der Gesellschaft bezahlt werden, aber durch eine Steuerfinanzierung kann man ganz andere Einkommensarten verpflichtend dazu nehmen. Hierzu müssen sich jedoch unsere Sozialpolitiker Gedanken machen!

J. Kohl: Sie sind Co-Initiator der Bundespflegekammer: Ist dieses Organ ein Lösungsansatz für die Bereitstellung von Fachexpertise für die Politik?

Dr. Mai: Ja, weil durch die Bundespflegekammer die bundespolitischen Anliegen der Landespflegekammern im Bund vertreten werden. Die Bundespflegekammer ist seit 2020 ein eingetragener Verein. Mitglieder sind aktuell die Landespflegekammern Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und der Deutsche Pflegerat, der aus den Berufsverbänden gebildet wird. Bald wird auch die Kammer von Nordrhein-Westfalen dazu gehören. Die Landespflegekammern wie z.B. auch die Ärztekammern, sind Vertreter für die Berufsangehörigen. In Rheinland-Pfalz haben wir 43.000 Mitglieder, keine Unternehmen. Das macht auch Sinn, da Berufsangehörige in der Regel mehr Sachverstand haben als jeder Politiker. Es steckt die Idee dahinter, dass die Berufsangehörigen kompetenter sind, die richtigen Dinge voranzutreiben, damit eine qualitative Versorgung der Gesellschaft sichergestellt werden kann. Wir befinden uns noch in einer Startphase und erhoffen uns breitere Unterstützung. Unsere Gesetzgebung zum Thema Gesundheit ist föderal geregelt, was beispielsweise bei Krankenhausinvestitionen eher schlecht als recht läuft. Es gibt aber auch viele Gesetze auf Bundesebene, z.B. die Pflegereform, die vor Kurzem verabschiedet wurde. Wir werden immer mehr um Stellungnahmen hinsichtlich Gesetzesentwürfen gebeten. Wir werden zu Anhörungen in den relevanten Ministerien und Ausschüssen im Bundestag eingeladen. Außerdem werden wir vermehrt von der Presse angefragt, um Kommentare abzugeben. Das sind gute Ansätze und ich bin fest davon überzeugt, dass die Bundespflegekammer, wie auch andere bereits etablierte Kammern, zu entsprechender Stärke heranwächst.

J. Kohl: Welche Aspekte haben durch die Pflegekammer bereits Gehör gefunden?

Dr. Mai: In die Gesetzgebung sind einige unserer Ideen eingeflossen.Zu nennen ist hier beispielsweise das Pflegebudget von Krankenhäusern. Aktuell gibt es pro Diagnose und Leistung noch eine Pauschale und das Krankenhaus kann diese verwenden, wie es will. Dies hatte dazu geführt, dass zwischen 2003-2017 etwa 40.000-50.000 Pflegekräfte abgebaut wurden. Pflege ist aus dem bisherigen `Pauschalen-System´ jetzt erst einmal rausgenommen und es wird nun genau das vergütet, was ausgegeben wird. Nun ist der Trend wieder umgekehrt. Wir kämpfen auch für die Finanzierung der Pflege. Im Bundesausschuss hat die Pflege aktuell noch keinen Sitz. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft gibt daher den Ton an. Die Politik muss uns helfen, um die enorme Macht der anderen in soziale Bahnen zu lenken.

J. Kohl: Sie sind Befürworter der generalistischen Pflegeausbildung. Wieso?

Dr. Mai: Es ist wesentlich einfacher, einen Beruf zu vertreten als drei Berufe: Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege. Nun gibt es nur noch Pflegefachpersonen. Während einer Podiumsdiskussion auf einem Kongress hat der Präsident eines Arbeitgeberverbandes behauptet, es sei gerechtfertigt, dass Altenpfleger weniger verdienen, weil diese nicht so viel Kompetenz haben, wie z.B. ein Krankenpfleger. Dem habe ich vehement widersprechen müssen, da beide gleich viel Wissen haben, nur eben mit anderen inhaltlichen Schwerpunkten. Durch die Vereinheitlichung wird es wesentlich schwieriger, einzelne Berufsstände finanziell zu benachteiligen. In der Pflege soll es ähnlich wie bei der Ärzteausbildung ein modulares Prinzip mit Grundausbildung und Spezialisierungsmöglichkeiten geben.

J. Kohl: … und welche weiteren Konzepte könnten Potenzial haben, breiter ausgerollt zu werden? 

Dr. Mai: Wir müssen wesentlich bessere Konzepte für Beratungsangebote anbieten. Viele Pflegebedürftige nehmen das, was aktuell Standard ist, einfach hin. Die Zeit, die eingeplant ist, um einen Pflegegrad zu ermitteln, führt nicht selten zu falschen Einschätzungen. Wenn man sich aber mehr als eine halbe Stunde mit dem Menschen auseinandersetzt, kommt man mitunter zu dem Schluss, dass ein höherer Pflegegrad angemessen wäre. Viele Betroffene wissen wahrscheinlich gar nicht, wie gute Beratung eigentlich aussehen könnte. Häufig sind sie zudem überfordert mit der Bürokratie. Stellen Sie sich vor, sie sind über siebzig Jahre und haben einen Partner, welcher zunehmend gesundheitlich abbaut. Sie machen sich natürlich Gedanken und versuchen für Ihren Partner alles zu erledigen, sind jedoch selber überfordert, wodurch die Antragstellung gerne mal um Jahre verschoben wird. Am Ende kommt die Hilfe für den Pflegebedürftigen und den pflegenden Angehörigen zu spät, wodurch nicht mehr präventiv und somit mit geringen Kosten verbunden, agiert werden kann. Reguläre Angebote für Menschen ab siebzig Jahren im Sinne von präventiven Pflegebesuchen sollten großflächig eingeführt und beworben werden.Letztendlich sollte es doch darum gehen, das Maximum an Lebensqualität so lang wie möglich zu erhalten!

J. Kohl: Ist eine flächendeckende Infrastruktur von Beratungsstellen ein realistischer und effektiver Ansatz?

Dr. Mai: Ja. Pflegende Angehörige dürfen nicht alleine gelassen werden. Häufig wissen diese nichts von vorhandenen Hilfsangeboten. Flächendeckende Hilfsangebote sind einer der großen Hebel um das System vor dem Kollaps zu bewahren. Meiner Meinung nach sind die Ausgaben für eine derartige Infrastruktur im Vergleich zu den Gesamtausgaben im Pflege- und Gesundheitssektor überschaubar. In Rheinland-Pfalz existieren bereits viele Pflegestützpunkte. Dazu folgendes Rechenbeispiel: Die 120 Pflegestützpunkte in Rheinland-Pfalz beschäftigen je 2-3 Mitarbeiter. Wenn man pro Stützpunkt mit Kosten von 300.000 € rechnet, kommt man für das gesamte Bundesland auf Ausgaben von 36 Millionen. Hochgerechnet auf ganz Deutschland wären dies ungefähr 720 Millionen Euro. Die Ausgaben der Pflegeversicherung im Jahr 2019 beliefen sich bundesweit zum Vergleich dazu auf 43,95 Milliarden Euro. Setzt man dem die Kosten für Pflegestützpunkte gegenüber, kommt man auf einen Anteil von weniger als 2%. (Anm. von Seniovo). Wir müssen zu dem Verständnis kommen, dass die Finanzierung der Pflege eine gesellschaftliche Aufgabe ist.

J. Kohl: Herr Dr. Mai, wie könnten wir aus Ihrer Perspektive dort hinkommen?

Dr. Mai: Da gibt es noch viel zu tun. In der Pflege wurde letztes Jahr in vielen Bereichen alles gegeben, was gegeben werden konnte. Ich, wie jeder andere auch, muss selbst meinen Beitrag dazu leisten. Die Leute davon zu überzeugen, ist in der Tat eine Herausforderung. Ich glaube, in den letzten ein bis zwei Jahren haben wir in der Bevölkerung auch durch unser Zutun eine höhere Sensibilisierung für die Not der professionellen Pflegenden geschaffen. Die Not ist groß und es braucht einen öffentlich Diskus. Darüber hinaus müssen wir eine grundsätzliche Entscheidung treffen, gemeinsam als Gesellschaft und auch parteiübergreifend aktiv zu werden. Pflege ist kein Thema, womit ein Bundestagswahlkampf geschmückt werden sollte. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und die steht über der Parteiräson.

J. Kohl: Wie sehen Sie die Rolle von wohnumfeldverbessernden Maßnahmen?

Dr. Mai: Das Wohnumfeld führt oft dazu, dass die Versorgung zu Hause nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Die häusliche Versorgung ist das zentrale Element zur Sicherstellung der pflegerischen Versorgung. Die stationäre Versorgung ist auch wichtig, aber sie ist eben nicht das zentrale Element. Man muss wesentlich mehr Geld in den Ausbau der wohnumfeldverbessernden Maßnahmen investieren, sodass die Versorgung im eigenen Wohnumfeld durch barrierearmes und barrierefreies Wohnen gesichert ist. Daheim muss die Pflege erfolgen können, sonst bricht uns das System komplett zusammen.

J. Kohl: Herr Dr. Mai, eine Frage zum Abschluss: Können wir als Startup zur Sicherung der Pflege beitragen?

Dr. Mai: Gerade hinter Startups verbergen sich oft Ideen, die zu einer generellen Besserung beitragen können. Ein Startup hat die Möglichkeit, eine Idee am Markt zu testen und herauszufinden, ob diese Idee ankommt. Wenn dies so ist, kann die Idee allen verfügbar gemacht werden. Im Startup trägt man im Gegensatz zu vielen anderen Institutionen Risikobereitschaft in sich. Das sollte als Teil des Lösungsansatzes von der Politik und der Wirtschaft honoriert und gefördert werden, zum Beispiel durch die Bereitstellung von staatlichen Geldern. Insbesondere wenn es darum geht, Technologiepotenzial zu nutzen, um Konzepte zu entwickeln, die unter Umständen hinterher für die Pflegehilfe und Versorgung von Vorteil sind!